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Viel ist über die Geschichte der aus der französischen Seestadt La Rochelle stammenden Hamburger Familie Godeffroy geschrieben worden - darunter auch so mancher Unsinn.

Deshalb kommt hier zur Veröffentllichung ein Aufsatz aus der Tagungsschrift zum Deutschen Hugenottentag, Hamburg, 23.-26. April 1976, der in Präzision und Sachlichkeit der Realität am nächsten kommt. Der Text wurde geringfügig überarbeitet und ergänzt.

Quelle: N.N. (Carl Alfred Godeffroy): Hugenotten in Hamburg, Stade, Altona. Tagungsschrift zum Deutschen Hugenottentag Hamburg, 23.-26. April 1976, Hrsg. Hans W. Wagner, S. 41-48, Verlag des Deutschen Hugenotten-Vereins e.V., Obersickte/Braunschweig 1976. - Carl Alfred Godeffroy (1914-1988) war bis zu seinem Tode 35 Jahre lang Inhaber des Godeffroyschen Familienarchivs.

Godeffroy

Die Familie Godeffroy führt ihre Abstammung zurück auf Etienne Godeffroy aus La Rochelle, der im 15. Jahrhundert als Bürger und Tuchhändler in Orleans lebte. Sein um 1530 in Orleans geborener Urenkel Jean, Tuchhändler in der vierten Generation, ge­hörte zu den einflußreichen Kaufleuten, die das erste Handelsgericht gründeten. Von 1568 bis 1571 bereiste er Italien, die Schweiz, Deutschland und die Niederlande und besuchte die wichtigsten Handelsplätze und Messen. Sein Tagebuch mit einer Be­schreibung des Reiseweges und die besuchten Orte wird in der Bibliothek in La Ro­chelle aufbewahrt.

Vermutlich nach der Bartholomäusnacht von Orleans, dem 26. August 1572, während der auch Mitglieder der Familien seiner Mutter Nicole geb. Desfriches und seiner Schwiegermutter Catherine Hubon geb. Stamples ermordet worden waren, verlegte er seinen Wohnsitz nach La Rochelle zurück. Er bekannte sich zum Calvinismus und scheint die Verbindung zu seinen zahlreichen Verwandten in Orleans abgebrochen zu haben.

Jean Godeffroy, der verwitwet war, verschwägerte sich durch seine zweite Heirat im Jahre 1574 mit den führenden Familien der Stadt. Er trat in den Rat ein, dem er bis zu seinem Tode in hohen Ämtern angehörte. Auf ihn geht das Falken-Wappen zurück, das er abweichend von dem seiner Brüder führte.

Von Jeans Söhnen gehörten später drei ebenfalls dem Rat an. Einer von ihnen war Deputierter zur Synode von Laudun. Bekannt wurde sein Sohn Jean, der während der Belagerung der Stadt durch die königlichen Truppen unter Richelieu 1627 Bürgermei­ster und Oberstkommandierender war. Es blieb ihm erspart, im folgenden Jahr die Kapitulation zu erklären, da er in turnusmäßiger Wahl von dem berühmten Jean Guiton abgelöst worden war.

Nach dem Bürgermeister Jean Godeffroy wurde 1897 eine Straße in La Rochelle benannt, allerdings mit einem "f ".

Mit der Kapitulation 1628 verlor die bis dahin unabhängige Stadt ihre alten Privilegien. Der Rat wurde seiner Ämter enthoben. Von Paris aus wurde ein Generalintendant einge­setzt. Die Befestigungsanlagen wurden geschleift. Die katholische Geistlichkeit kehrte zurück, jedoch wurde den Calvinisten die freie Religionsausübung nicht beschränkt.

In den folgenden ruhigen Jahren nahmen Handel und Schiffahrt von La Rochelle einen beispiellosen Aufschwung.

Die Godeffroys waren Kaufleute und Reeder, deren Schiffe hauptsächlich nach Westindien segelten. Sie bewohnten große Häuser in der Stadt und besaßen Herrensitze in der Umgebung.

Die Schiffe der Brüder Jean, Jacques und Cesar Godeffroy, die zwischen 1665 und 1685 vorallem nach den "Isles francaises de L'Amérique" bestimmt waren, hießen: "Le Faulcon", "Espérance", "La Curieuse", "Le César", "Le Jacques", "Le St. Pierre", "Fortune", "Le Canadien", "Francoise", "La Bourgouise", "St. Jean", "Madelayne", "La Licorne", "Diligence".

Mit der Aufhebung des Edikts von Nantes 1685 setzte die Verfolgung der Hugenotten ein. Es scheint, daß verschiedene Mitglieder der Familie Godeffroy sich noch einige Zeit in der Heimat haben halten können, denn die Listen der Admiralität weisen aus, daß im Mai 1687 das Schiff „Le César“ der Brüder Jean und César Godeffroy für eine Reise in die Ostsee freigegeben wurde. Vermutlich war dies das Fluchtschiff der Familie, das über Amsterdam an die Odermündung bestimmt war.

"Henry Godeffroy, banquier" und wahrscheinlich längst rekatholiziert, ist um 1719 der letzte Namensträger in La Rochelle.

César Godeffroy, geboren 1640, der erste, der diesen Vornamen trug, erscheint 1697 zuerst in Frank­furt a. d. Oder, nachdem er einige Jahre Mitglied der französisch-reformierten Ge­meinde in Amsterdam gewesen war. Er war ein Enkel des von Orleans nach La Ro­chelle verzogenen Jean und bemerkenswerterweise das 24. Kind seiner Eltern. Die Spur seiner Geschwister hat sich verloren. Nach Deutschland sind sie jedenfalls nicht gekommen.

In Frankfurt a. d. Oder widmete sich César zusammen mit seinem gleichnamigen Sohn so erfolgreich dem Leinenhandel, daß er sich wenige Jahre später nach Müncheberg zurückziehen konnte, während der Sohn nach Berlin übersiedelte.

1712 ließ sich Cesar I Godeffroy vom König von Preußen den von seinem Großvater in La Rochelle erworbenen erblichen Adelstitel bestätigen (Noblesse de robe). Er bescherte ihm Steuerbefreiung und Schutz vor Einquartierung.

Der dritte César kam 1737 nach Hamburg und trat in die Dienste des bedeutenden Handelshauses seines Glaubensbruders Pierre Boué. Nach einigen Jahren erwarb er das Hamburger Bürgerrecht und machte sich als Weinimporteur selbständig. Seiner Gemeinde diente er als Kassierer, Armenpfleger und Diakon.



Cesar III. Godeffroy, 1703-1756, der erste Godeffroy in Hamburg, dessen Großvater noch Reeder in La Rochelle war. (Bild urheberrechtlich geschützt)


César Godeffroy starb früh. Seine Witwe kehrte mit den beiden kleinen Kindern, die sie ihm in seiner 2. Ehe geschenkt hatte, in ihre Heimatstadt Genf zurück. Die fünf Kin­der erster Ehe wurden von einer unverheirateten Tante unter Vormundschaft von Ge­meindemitgliedern erzogen. Den Söhnen, dem vierten César und Pierre, gelang mit ihren Firmen aus eigener Kraft der Aufstieg in die erste Reihe der hamburgischen Handelshäuser.

Der ältere, Jean César, gründete 1766 mit 24 Jahren die Firma Joh. Ces. Godeffroy & Co., die später, nach der Aufnahme seines Sohnes als Teilhaber, Joh. Ces. Godeffroy & Sohn firmierte.

Der Schwerpunkt des Handels lag auf dem Export schlesischen Leinens, das durch das Breslauer Haus Eichborn aufgekauft, an Ort und Stelle gebleicht und appretiert und auf gecharterten Schiffen von Hamburg nach Spanien transportiert wurde, um von dort aus in die Kolonien weitergeleitet zu werden. Die Rückfracht bestand vorwiegend aus Wein und Südfrüchten.

Der Bruder Pierre war unter eigener Firma ebenso erfolgreich und beide entwickelten Pioniergeist, als sie in den 90er Jahren des 18. Jahrhunderts mit eigenen Schiffen die Überseeschiffahrt eröffneten. César sandte 1798 ein neues Schiff nach Havanna und Veracruz. Später folgten Reisen nach der Ile de France.

César, dessen Vater einst von den Boué bei den freiwilligen Gemeindebeiträgen um ein vielfaches übertroffen worden war, stand bald an der ersten Stelle der Liste. 1781 er­warb er am Alten Wandrahm, einer der vornehmsten Straßen des alten Hamburg, ein stattliches Barockhaus mit anschließenden Speichern. Einige Jahre später kaufte er im heute zu Blankenese gehörenden Dockenhuden mehrere Bauernhöfe und ließ sich durch den dänischen Baumeister Hansen ein Landhaus errichten, das während der folgenden hundert Jahre den Mittelpunkt des Familienlebens und einer großzügigen Geselligkeit bildete.

Sein Bruder Pierre folgte ihm und ließ einige Zeit später in der Nachbarschaft, ebenfalls durch Hansen, die heute unter dem Namen „Weißes Haus“ bekannte Besitzung bauen. 

Die Handelskrise von 1799 überstanden die Firmen der Brüder ohne nennenswerte Verluste. Die Franzosenzeit, die mit Kontributionen, Beschlagnahmungen und der EIb­blockade vielen alten Häusern zum Verhängnis wurde, konnte die Firma Joh. Ces. Godeffroy & Sohn überstehen, da die Warenläger rechtzeitig ins dänische Holstein verlagert wor­den waren.

Nach 1815 setzte ein neuer Aufschwung ein. Die Segelschiffsflotte wurde bedeutend vergrößert und der Überseehandel ausgebaut.

César Godeffroy, der Firmengründer, starb 1818 als sehr vermögender Mann. Sein Sohn, der fünfte César, setzte als klug wägender Kaufmann und Mehrer des Ererbten das Geschäft erfolgreich fort.

Seine Söhne haben den Familiennamen über die Grenzen Hamburgs hinaus bekannt gemacht Der älteste Sohn, der sechste César, brachte der Firma Weitgeltung Dem Schicksal, ein Enkel zu sein, ist er jedoch nicht entgangen.

1837, mit 24 Jahren, wurde César Godeffroy Teilhaber seines Vaters in der nun mehr schon siebzigjährigen Firma, die er sofort mit Unternehmungsgeist und neuem Schwung erfüllte. Von seinen Brüdern ging Gustav für einige Jahre nach Chile. Adolph begründete eine eigene Firma in Havanna als Stützpunkt für den Westindienhandel des väterlichen Hauses. Der jüngste Bruder Alfred, löste später seinen Bruder Gustav in Valparaiso ab, der nach Hamburg zurückkehrte und in die Firma eintrat.

In Hamburg wurde das Reedereigeschäft ausgebaut. Die Zahl der eigenen Schiffe stieg von sechs im Jahre 1836 auf 27 im Jahre 1856. Damit stand das Haus sowohl an Zahl der Schiffe, als auch an Tragfähigkeit, an der Spitze der hamburgischen Reedereien.

Während beim Eintritt Césars die Firma nur mit Mittelamerika und einigen Häfen Süd­amerikas in Verbindung gestanden hatte, war sie zwanzig Jahre später in regem Han­delsaustausch mit Süd- und Mittelamerika, Australien, Indien und Südafrika. Während andere größere Reedereien ihren Frachtraum vercharterten oder sich der aufkommenden Passagierfahrt widmeten, war es César Godeffroys Bestreben, die Schiffe für eigene Handelszwecke einzusetzen, wenn er sich auch am Auswandererverkehr nach Austra­lien und dem Goldland Kalifornien beteiligte.

Das Jahr 1857 brachte eine internationale Handelskrise, der auch zahlreiche bedeu­tende Hamburger Häuser zum Opfer fielen. Auch die Firma Joh. Ces. Godeffroy & Sohn erlitt Verluste, die sie unverschuldet an den Rand des Zusammenbruchs brachten. Durch ein großzügiges Darlehen einer außerordentlich vermögenden Verwandten wurde die Katastrophe verhütet. Das indische Geschäft wurde eingestellt, die Fahrten nach Australien, Kalifornien und der Westküste Südamerikas stark eingeschränkt. Durch den Verkauf der beiden einzigen Dampfschiffe und des größten Segelschiffes wurden die Mittel beschafft, um das kurz vorher aufgenommene Südseegeschäft ver­stärkt fortzusetzen.

Im Laufe der folgenden Jahre wurden von der Hauptagentur Apia aus an mehr als 50 Plätzen Agenturen und Plantagen errichtet. Auf den Pflanzungen wurde Kopra, Baumwolle, Kaffee und Zucker erzeugt. Zwanzig Segler vermittelten den Tauschhandel zwischen den Inseln, und die Flotte der großen Segelschiffe, zum Teil auf der eigenen Werft in Hamburg gebaut, hielten die Verbindung mit Europa.

Die Leistung César Godeffroys ist um so beachtlicher, als hinter seinen Unternehmun­gen nicht, wie etwa bei den Engländern und Franzosen, eine schützende Nation stand. Ohne Vorgänger und Hinterleute erschloß er dem Handel ein Gebiet, das größer als Europa ist. Seine Schiffe führten die Hausflagge mit dem flugbereiten Falken aus dem Familienwappen, der schon einem der Schiffe seines Vorfahren in La Rochelle den Na­men gegeben hatte, und dazu die Flagge des Stadtstaates Hamburg, später die des Norddeutschen Bundes. Erst in den letzten Jahren war es die Flagge des jungen Deut­schen Reiches, die seine Schiffe in die Südsee brachten.

Die außergewöhnlichen Erfolge des Hauses Joh. Ces. Godeffroy & Sohn sind nicht zu den­ken ohne die Leistung von August Unshelm, der für die Firma von Valparaiso aus in die Südsee vorgedrungen war, und ohne seinen Nachfolger als Leiter der Hauptagentur, Theodor Weber. Dessen Nachfolger in Apia wurde 1878 Césars jüngster Sohn, August Godeffroy.

Der Erfolg des Hamburger Hauses hatte schon bald die Konkurrenz und die sie schüt­zenden Großmächte auf den Plan gerufen, die die traditionellen samoanischen Stam­mesfehden für ihre Zwecke nutzten. Webers außerordentliches Verständnis für die Süd-seevölker, seinem Takt und seinem Verhandlungsgeschick gelang es immer wieder, Schwierigkeiten aus dem Wege zu räumen. Als Konsul hat er Hamburg, dann den Norddeutschen Bund und schließlich das Deutsche Reich vertreten.

César Godeffroy, der als „ungekrönter König der Südsee“ bezeichnet wurde, war be­sonders auch an der wissenschaftlichen Erkundung Ozeaniens interessiert. Er sandte Forscher in die Südsee und nach Australien, unter ihnen die bekannte Amalie Dietrich, ließ die zusammengetragenen Sammlungen durch namhafte Fachgelehrte bestimmen und vereinigte sie in dem von ihm begründeten Museum Godeffroy in Hamburg, das sich bald internationalen Rufs erfreute.  Die Forschungsergebnisse wurden in dem her­vorragend illustrierten „Journal des Museum Godeffroy“ veröffentlicht.

César Godeffroy und seine Firma waren an der Gründung verschiedener Gesellschaf­ten beteiligt, so 1846 an der des Elbkupferwerks, aus dem die noch bestehende Nord­deutsche Affinerie hervorgegangen ist. Hier wurden die Erze, die vorwiegend mit den Schiffen der Firma Joh. Ces. Godeffroy & Sohn aus Chile und Australien kamen, zu raffi­niertem Kupfer verarbeitet. An den australischen Burra-Burra-Kupferminen war César beteiligt.

1849 wurde die kleine Roosensche Werft erworben, die fortan als „Godeffroys Werfte Reiherstieg“ Schiffe für eigene und fremde Rechnung baute. Sie ist nach großen Erfol­gen und wechselvollen Schicksalen in der Deutschen Werft aufgegangen. 1857 war César Godeffroy maßgeblich an der Gründung der Norddeutschen Bank be­teiligt, an deren Spitze im Aufsichtsrat sein Bruder und langjähriger Teilhaber Gustav Godeffroy bis zu seinem Tode im Jahre 1893 wirkte.

Gustav Godeffroy war als einziges Familienmitglied politisch hervorgetreten. Er ge­hörte der Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche und zwei Jahrzehnte dem Hamburger Senat an. 

Adolph Godeffroy traf nach seiner Rückkehr aus Havanna nicht in die Firma ein. Er gehörte 1847 zu den Gründern der Hamburg-Amerika-Linie und übernahm den Vorsitz im Direktorium während der ersten Jahrzehnte des stetigen Aufbaus. 

Seit der Handelskrise von 1857 war das Kapital verhältnismäßig gering, mit dem César Godeffroy seine weitläufigen Geschäfte betrieb. Ein großer Teil war in umfangrei­chem Grundbesitz in der Südsee und bei Hamburg festgelegt. Seit 1865 waren Beteili­gungen an rheinisch-westfälischen Bergwerken übernommen, die noch nicht voll er­schlossen waren und erst sehr viel später zu den ertragreichsten Deutschlands zählen sollten.

Als nach dem wirtschaftlichen Aufschwung, der dem gewonnenen Krieg von 1870/71 folgte, eine Krise einsetzte, geriet auch das Haus Joh. Ces. Godeffroy & Sohn in Bedräng­nis. Es erwies sich als unmöglich, die Bergwerksbeteiligungen und den in klarer Erkenntnis der zukünftigen Entwicklung Hamburgs erworbenen Grundbesitz innerhalb kurzer Zeit wieder abzustoßen.

Um fremdes Kapital zur Fortführung des erfolgversprechenden Geschäfts heranzu­ziehen, entschloß César Godeffroy sich deshalb 1878, das gesamte Südseeunternehmen in eine Aktiengesellschaft einzubringen, die „Deutsche Handels- und Plantagen-Gesellschaft der Südsee-Inseln zu Hamburg“. Die Zeit war jedoch noch nicht reif und keine einzige Aktie konnte verkauft werden.

Das Jahr 1879 war gekennzeichnet von den Versuchen, Hilfe zu finden. Da der „Süd­seekönig“ fast völlig erblindet war, führte sein Sohn und Teilhaber, der siebente César, die Verhandlungen in Berlin, die schließlich die Unterstützung Bismarcks fanden. Die von diesem vertretene Vorlage zu einer Garantie für die von anderer Seite in Aussicht gestellten Kredite wurde jedoch vom Reichstag abgelehnt und am 1. Dezember 1879 mußte das Haus Joh. Ces. Godeffroy & Sohn seine Zahlungen einstellen. Im April 1880 gelang César ein ehrenvoller Vergleich. 

Den Landsitz in Dockenhuden übernahmen Freunde und stellten ihn dem alten César Godeffroy unentgeltlich zur Verfügung. Hier ist er 1885 gestorben. Auf dem Friedhof der französisch-reformierten Gemeinde vor dem Dammtor wurde er beigesetzt und später von seiner Witwe nach Nienstedten überführt. Das heute unter Denkmalsschutz stehende Landhaus und der Hirschpark, dem César Godeffroy durch die Anlegung der Wildgehege den Namen gegeben hat, sind jetzt öffentlicher Besitz. 

Das Stammhaus am Alten Wandrahm mit den Speichern und den Museumsgebäuden fiel wenige Jahre später bei der Anlegung des Hamburger Freihafens der Spitzhacke zum Opfer. Die Bestände des weltbekannten Museums wurden verkauft. Nur ein kleiner Teil blieb Hamburg erhalten. Die bedeutendsten Sammlungen erwarb das Museum für Völkerkunde in Leipzig, das dadurch in seiner Südseeabteilung führend wurde.

Die Deutsche Handels- und Plantagen Gesellschaft der Südsee-Inseln setzte ihre Arbeit fort. Das koloniale Interesse wuchs und 1899 einigten sich die Großmächte. Die Samoa­Inseln wurden Deutschland als Kolonie zugesprochen. Unter dem Schutz des Reiches nahm die Deutsche Handels- und Plantagen-Gesellschaft der Südsee-lnseln, deren Direktor und späteres Aufsichtsratsmitglied der siebente César Godeffroy wurde, einen stürmischen Aufschwung, dem der 1. Weltkrieg und die anschließende Enteignung ein Ende setzten.

In der Südsee ist die Leistung des „Südseekönigs‘ und die friedliche Durchdringung Ozeaniens durch seine Firma ein Teil der in der Schule gelehrten Geschichte. Die Plakette von einem Gedenkstein, der César Godeffroy 1913 an seinem hundertsten Geburtstag in Apia gesetzt wurde, befindet sich heute in der Eingangshalle des Ver­waltungsgebäudes der Nachfolgegesellschaft seiner einstigen Gründung.

Die Familie Godeffroy ist, mit wenigen Ausnahmen, nur in Schiffahrt und Überseehandel hervorgetreten. Zu den Ausnahmen gehört eine Frau, die 1880 in Wien geborene Ottilie Godeffroy, Tochter eines Professors der Chemie, dessen Großvater von Hamburg nach Österreich übergesiedelt war. Unter dem Mädchennamen ihrer Großmutter Gabrielle geb. du Rieux wurde sie als Tilla Durieux eine der großen Schauspielerinnen deutscher Zunge unserer Zeit.

Tilla Durieux stand seit 1903 mit großem Erfolg in Berlin auf der Bühne. Mit ihrem gefährdeten Mann mußte sie 1934 Deutschland verlassen. Erst 1953 kehrte sie aus dem Exil zurück und betrat mit 73 Jahren in Berlin erneut die Bühne. Damit begann eine zweite, wenn möglich noch erfolgreichere, Karriere. Bis kurz vor ihrem Tode im Alter von 90 Jahren hat sie, im Ausland und in Deutschland hoch geehrt, ihrer Kunst ge­dient.

Die Mitglieder der Familie Godeffroy haben während der ersten drei Generationen nach ihrer Flucht aus der Heimat ihre Ehepartner aus dem Kreis ihrer Glaubensgenossen gewählt und blieben bis zum Ende des 19. Jahrhunderts der französisch-reformierten Gemeinde eng verbunden, der viele von ihnen als Älteste gedient haben. Erst als sie durch viele Heiraten mit Mitgliedern alteingesessener Familien tief im Hamburgertum verwurzelt waren, ging diese Bindung verloren.

Cesar VII Godeffroy (1838-1912) war der letzte "Älteste", den die Familie der französisch-reformierten Gemeinde in Hamburg stellte.


Godeffroys – Fernkaufleute vor und nach Benjamin Godeffroy (1589-1675), Ecuyer, Seigneur des Fontaines in La Rochelle


Während wir nicht wissen, welchen Geschäften im einzelnen Benjamin Godeffroy, Ecuyer, Seigneur des Fontaines, von La Rochelle aus nachging, wissen wir von seinen Söhnen Jean (Nr. 17 seiner 24 Kinder) und Cesar I (Nr. 24), dass sie gemeinsam als Reeder etabliert waren (Schiffe nach Westindien und in die Ostsee).


Zwei weitere Brüder von Cesar I hatten sich als Kaufleute in Lissabon (Jacques Godeffroy) und in Cadiz (Alexandre Godeffroy) niedergelassen, vermutlich um von dort aus besser Handel mit den spanischen bzw. portugiesischen Kolonien betreiben zu können.


Ein Bruder von Cesar II, Alexandre Godeffroy (1675-1720), war als Kaufmann in Kopenhagen und London niedergelassen.


Kaufleute bzw. Fernkaufleute waren sie also seit Mitte des 15. Jahrhunderts, zunächst vier Generationen Tuchhändler in Orleans, dann in La Rochelle, dann dort Kaufmannsreeder in das neuentdeckte Amerika, dann, über Amsterdam in das Kurfürstentum Brandenburg gelangt, Leinenhändler an der alten Handelsstraße Königsberg- Berlin- Amsterdam, zunächst in Frankfurt an der Oder, dann in Berlin – mit schlesischem und böhmischem Leinen, das später in Hamburg auch für „Joh. Ces. Godeffroy & Sohn“ noch ein elementarer Grundstock des Wohlstands werden sollte – Exportartikel Nummer 1 über Spanien nach Übersee.


Unternehmertum vom Vater auf den Sohn, gleich ob auf französisch, spanisch, portugiesisch, englisch oder deutsch, in Frankreich, Spanien, Portugal, Dänemark, Surinam, New York, Valparaiso, Havanna, San Francisco, Godeffroy (Orange County, N.Y.), Tahiti, Samoa oder Kapstadt – über 500 Jahre lang.